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Hans Werner Freiherr von Brachwitz

Mehr Material vom Freiherrn!



Auszüge aus dem künstlerischen Schaffen:

Einzelarbeiten:

German Kunstdisco
Experimentelle artifizielle Computermusik zur German Kunstdisco, dem offiziellen Kulturbeitrag der Bundesrepublik Deutschland zu den Olympischen Spielen in Seoul 1988, Auftragsarbeit für das Goethe-Institut.
Ficcion Disco
Ein multimediales Projekt zusammen mit Pyrolator / Kurt Dahlke (Der Plan), Michael Fahres (Zentrum für Elektronische Musik, Arnheim NL), den argentinischen Komponisten Gaby Kerpel und Carlos Alonso sowie vielen weiteren Gruppen und Einzelkünstlern aus Argentinien. Realisation in Buenos Aires, 1991. Auftrag: Instituto Goethe. Live-Performances, Konzerte, Vorträge, Lehrtätigkeiten ua.
Konrad
Theatermusik zu "Konrad, das Kind aus der Konservendose" (Christine Nöstlinger) im Auftrag des Fränkisch-Schwäbischen Städtetheaters
Schwanengesang/ Tschechow / Wilson
Bühnenmusik zu "Schwanengesang" (Anton Tschechow), Regie Robert Wilson im Auftrag der Münchener Kammerspiele
Etagenklänge
Klangliche Raumgestaltung im Rahmen der "Etagenklänge", Installation Bartsch / Kellermann, Hochschule der Künste, Berlin
Musik für Dich
LP Sampler HaschPlatten 06/07
c/o B.Jugel, Bayerischer Rundfunk
Gedichte und Prosa:
Wie der Elefant einmal lachen mußte (Gedichte und Kurzprosa)
Weißbier und Philosophie (Prosa)
Sonstiges:
Malerei und Computergraphik
Dichterlesungen, Lehrtätigkeit u.a.
diverse Musiken zu Vernissagen bildender Kunst, Kleinkunst und Kabarett

Begleittext zur Cassette Euler-Zeit


Euler-Zeit

Der Name Euler-Zeit leitet sich ab von dem Mathematiker Leonhard Euler (1707 - 1783). Die von ihm in Verbindung mit Untersuchungen über den Logarithmus hergeleitete Zahl e bzw. die daraus entstehende Exponentialfunktion y = e ^ x fanden in der belebten Welt eine derart weitreichende Anwendung bzw. Bestätigung, daß man fast von einer Naturkonstanten sprechen kann, ähnlich der Kreiszahl Pi. So basiert z.B. das ungehemmte Wachstum von Bakterien auf dieser Funktion, ebenso der radioaktive Zerfall uvm.

Die Exponentialfunktion beschreibt eine Kurve, die anfänglich stabil und langsam stetig steigend zu sein scheint, dann aber auf drastische Weise ansteigt, gegen Unendlich strebt und einen unerwartet frühen x-Grenzwert nie mehr erreicht.

Warum dieses Thema heute als Name meiner Musik?

Wir befinden uns an einem Moment der Weltgeschichte, an dem es kaum mehr weiterer Informationen bedarf, um zu erkennen, daß eine Katastrophe unglaublichen Ausmaßes unabwendbar geworden ist. Das ist keine düstere Schwarzmalerei, sondern eine immer deutlich werdendere Tatsache, notwendige Folge grundlegend falscher Ansätze und es ist müßig, alle einzelnen Beispiele und Gründe dafür aus Politik und Ökologie uam. aufzuzählen.

Die Behauptung der These Euler-Zeit in diesem Zusammenhang ist folgende:
Meiner Meinung nach besteht ein Dilemma zwischen der Zeit als physikalischer Größe und dem Empfinden von Zeit. Wir empfinden Zeit dadurch, daß wir Veränderungen wahrnehmen und daraus schließen, es müßte Zeit dafür vergangen sein. Wie uns die Dehnbarkeit dieses Zeitempfindens deutlich macht ("Urlaubszeit", "wie im Flug vergangen"), scheint es sich dabei offenbar um ein indirektes Zählverfahren zu handeln. Wir sieben die für unsere Wahrnehmungsschwelle als Neuheit akzeptierten Eindrücke, sammeln sie und bilden daraus ein Empfinden für "Passiertes pro Zeit".

Jedesmal, wenn wir Zeit empfinden, schauen wir also zurück und vergleichen die Zahl dieser Eindrücke mit der gemessenen Zeitspanne. Zwar bemerken wir dann, daß eine Zunahme von Dichte herrscht, eine Beschleunigung, eine Bündelung von Veränderung pro Zeit. Wir korrigieren vielleicht noch unsere Erwartung, wie schnell sich die Zeit weiterentwickeln wird, machen dabei aber dann wieder den Fehler, anzunehmen, der weitere Zeitverlauf sei linear. Euler-Zeit behauptet, daß der Verlauf von Zeit gar keine lineare Größe ist, sondern eine Funktion der Eulerschen Zahl e, eine Exponentialfunktion.

Träge man in ein Koordinatensystem auf einer Achse die Zeit ein und auf der anderen Achse eine quantitative Schätzung von "Geschehen", also z.B. ein Maß für Geschwindigkeit, Bevölkerungszahl, Informationsausbreitung, Anzahl neuer Erfindungen, Weiterentwicklungen in Technik und Forschung, Schnelligkeit des Wechsels von Moden, Religionen, politischen und sozialen Themen uvam., so würde sich in etwa eine e-Funktion ergeben.

Unsere Fehleinschätzung der Lage hängt also mit einer grundlegenden Fehlinterpretation der Zeit als physikalischem Phänomen zusammen. Leider gibt das menschliche Leben wenig Möglichkeit, das Wesen der Euler-Funktion wirklich zu begreifen, zu verinnerlichen. Aus diesem fehlenden Verständnis ergibt sich eine Konsequenz, die salopp gesagt heißt: "Es passiert alles früher, als Du glaubst".

Das wird uns in Verbindung mit unseren weiteren Problemen das Genick brechen, denn die Ursachen haben zeitlich die Wirkungen bereits überholt.


Ahoi.


(The Freiherr, 1993)



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